Keine Zeit versäumen (Schweizer Geschichten 2014, von Daniel Rihs) - Swiss Press Award

Landliebe
Daniel Rihs
Die Sbrinz-Route führt von der Innerschweiz über mehrere Pässe nach Domodossola. Jedes Jahr machen sich bis zu dreissig Frauen und Männer auf diesen hundertfünfzig kilometerlangen Weg. Die Säumer tragen historische Fellkleidung. Ihre Tiere sind schwer beladen. Begleitet werden sie jeweils von einer grossen Wandergruppe in bunt leuchtender Outdoorausrüstung. Als «Projektionszug der Sehnsucht» wurde dieser merkwürdige Tross schon bezeichnet.
Während Jahrhunderten transportierten Säumer wertvolle Handelsgüter nach Italien: Käse, Salz, Getreide, Rinder, Weinbergschnecken, Felle, Kristalle, Kunstwerke. Im Gegenzug brachten sie Wein, Reis, Kastanien, Seide, Flanell, Gewürze aus dem Süden zurück in die Schweiz. Den Profit daraus zogen die Handelsherren, die Säumer blieben arm.
Schon die damaligen Transporteure mussten straffe Zeitpläne einhalten: Wenn sie einen entgegenkommenden Säumerzug an einer falschen Stelle kreuzten, riskierten sie, dass ein Tier den ganzen Trupp in den Abgrund riss. Temperaturschwankungen und Wettereinbrüche, Wegelagerer und Schmuggler machten ihnen das Leben schwer.
Heute soll sanfter Tourismus auf sanierten Pfaden nachhaltige Wertschöpfung in abgelegene Täler bringen. Die Wiederbelebung der Sbrinz-Route ist aber mehr als eine bemerkenswerte Fremdenverkehrs-Unternehmung: In ihrer radikalen Entschleunigung ist sie beinahe avantgardistisch.
