Kein Freund und Helfer (Swiss Press Video 2025, von Valentin Felber, Anina Ritscher, Gülsha Adilji, Christian Zeier) - Swiss Press Award
Instagram, reflekt.ch, Youtube
Valentin Felber, Anina Ritscher, Gülsha Adilji, Christian Zeier
Die öffentliche Verbreitung von Hass und Diskriminierung wegen «Rasse», Ethnie, Religion oder sexueller Orientierung ist in der Schweiz strafbar. Wer gegen diese Diskriminierungsstrafnorm verstösst, kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Dabei handelt es sich um ein Offizialdelikt. Das heisst: Die Behörden müssen ermitteln, sobald sie von einer potenziellen Straftat erfahren. Doch funktioniert das auch in der Praxis? Um das herauszufinden, haben wir im Frühjahr 2023 ein Netzwerk aus Hilfsreporter:innen in der ganzen Deutschschweiz aufgebaut. Im März besuchten diese 34 Polizeiposten in 21 Kantonen, um gegen sieben potenziell strafbare Hasskommentare Anzeige zu erstatten. Mittels Gedächtnisprotokoll dokumentierten die Anzeigesteller:innen, was sie auf den Posten von Fribourg bis Frauenfeld und von Thusis bis nach Basel erlebten.
Das Resultat ist ernüchternd. 18 von 34 Anzeigen wurden auf den Polizeiposten entweder direkt verweigert oder nie bearbeitet. Zahlreiche Beamt:innen machten falsche strafrechtliche Aussagen und verhinderten so eine Anzeige. Eine Anzeigestellerin wurde sogar selbst angezeigt.
Gemeinsam mit der Moderatorin und Influencerin Gülsha Adilji haben wir die aufwändige Recherche als witziges und unterhaltsames Video für Social Media umgesetzt. Gülsha Adilji spricht im Video mit einer Strafrechtsprofessorin, spielt Szenen aus den Polizeiposten nach und ordnet die Resultate der Recherche ein.
Gedreht wurde an drei Locations: bei der Professorin, auf einem nachgebauten Polizeiposten sowie in einem fiktiven Recherche-Büro. Inspirieren liessen wir uns bei der Umsetzung von Formaten wie Magazin Royale mit Jan Böhmermann oder Last Week Tonight mit John Oliver, die ernsthafte Themen auf unterhaltsame Weise an ein grosses Publikum bringen.
Eine technische Herausforderung war es, das Video so umzusetzen, dass es sowohl als Instagram-Reel für Handy-Bildschirme (Hochformat) als auch als Youtube-Video (Querformat) funktioniert. Inhaltlich wollten wir auf Lücken der Polizeiarbeit hinweisen, ohne die betreffenden Beamt:innen blosszustellen. Zudem versuchten wir, die richtige Balance zwischen komplexem, ernstem Inhalt und verkürzter, unterhaltsamer Darstellungsform finden.
Die Reaktionen weisen darauf hin, dass uns das gelungen ist. Allein auf Instagram erreichte das Video über 200\'000 Views und mehr als 5’000 Interactions. Kommentare wie «Gülsha = weiblicher Schweizer Böhmermann» oder «Mega informativ und huere lustig. Aber irgendwie ernüchternd…» zeigen, dass uns der Spagat zwischen Investigativjournalismus und Unterhaltung gelungen ist. Auch die Kantonspolizei Bern, die im Video prominent vorkommt, nahm in den Kommentaren auf konstruktive Art Stellung. Andere Kantonspolizeien haben gegenüber REFLEKT Fehler eingeräumt. Mit den Resultaten konfrontiert, gestand die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandantinnen und -kommandanten Handlungsbedarf ein. Gestützt auf die Recherche-Erkenntnisse, würden die Mitarbeitenden in den Polizeikorps «entsprechend sensibilisiert».

