Ruästel Paul, Bergbauer (Porträt 2014, von Samuel Trümpy) - Swiss Press Award

Freie Arbeit, publiziert an diversen Ausstellungen
Samuel Trümpy
Jeden Morgen in aller Herrgottsfrüh’ geht oben auf den Ennetbergen im Häuschen von Ruästel Paul ein Lichtlein an. Ruästel Paul zieht sich dann die Arbeitshosen an und streift sich sein blaues Sennenhemd über. So wie es schon sein Vater jeden Tag getan hatte, bevor er den Hof vor vierzig Jahren an Paul übergab. Dann zwängt Paul seine Füsse in seine alten Gummistiefel und schlurft zum Stall und zu seinen 30 Kühen, die hier oben vielfach seine einzige Gesellschaft sind. Er räumt ihren Mist weg, melkt und füttert sie. So wie er es auch am Morgen vor drei Jahren tat, als ich ihn zum ersten Mal traf.
Ich besuche Ruästel Paul seither regelmässig und porträtiere ihn in seinem Alltag. Eigentlich heisst er Paul Hefti. Aber alle nennen ihn wie der Krachen Land, der ihm gehört: „Ruästel“. Paul ist 64 Jahre alt und hat sein ganzes Leben auf den Ennetbergen verbracht: 1100 Meter über Meer, Glarus zu seinen Füssen und hinter seiner Schulter blicken der Fronalpstock und der Schilt auf ihn herab. Paul war in seinem ganzen Leben noch nie in den Ferien. Er bleibt alleine hier oben im Winter, wenn er den Stall aus dem Schnee freischaufeln muss, und im Sommer, wenn er die Wanderer grüsst, die versuchen, nicht in einen Kuhfladen zu treten, wenn sie an seinem Häuschen vorbeikommen.
Die Wanderer sehen dann ein urchiges Manndli, das seinen Mund unter einem Bart versteckt, der so dicht gewachsen ist wie die Gräser auf einer ungemähten Alpweide – schliesslich gibt es hier oben mehr zu tun als zu besprechen.Was die Wanderer nicht sehen können, sind die Sieben-Tage-Wochen, die Ausdauer und die Kraft, die es braucht, um die eigentlich menschgemachte Alpennatur zu pflegen, die sie bei ihren Wanderung geniessen.
Paul erwartet kein Dankeschön.Was er tut, ist für ihn selbstverständlich.Doch ohne Menschen wie ihn, die dieses harte und manchmal entbehrungsreiche Leben führen, ginge unsere reiche Alpenlandschaft verloren. Für dieses Engagement hat er ein Dankeschön verdient. Ich hoffe, dass meine Bilder einen Einblick in sein Leben bi
eten können, in seine Arbeit, aber auch in die Zeiten, in denen Paul einsam wirkt, alleine dort oben in seinem Häuschen auf den Ennetbergen.